Gerard Thibault d'Anvers

- Academie de l'Epée -

Der mystische Kreis

Der mysteriöse Kreis, Gerard Thibault, Academie de L’Epée, 1630, Kapitel 1

Kaufmann, Architekt, Physiker, Mathematiker, Musiker, Poet, Maler und Fechtlehrer

*1574 - +1627

 

Über Thibaults Leben ist wenig bekannt und alle Quellen, die uns zur Verfügung stehen, beziehen sich auf Prof. Herman Fontaine de la Verweys Artikel “Gerard Thibault en zijn ‘Academie De L’espée’” von 1977, der uns in der englischen Übersetzung von Alwin Goethals, von 2012 vorliegt. Allerdings rekonstruiert de la Verwey Thibaults Herkunft und dessen Lebensgeschichte recht detailliert anhand dessen Magnus Opum Academie de l’Espée und seinem Album Amicorum. Zusätzlich zieht er historische Dokumente zu Rate, die sich auf Personen aus Thibaults Umfeld beziehen, woraus sich weitere Details seines Lebensweges ableiten lassen. Im Folgenden werden auch wir uns - sofern nicht anders kenntlich gemacht - vorrangig auf Goethals Übersetzung von de la Verweys Artikel beziehen, um eine kurze Chronologie des Lebens des Gérard Thibault zu erstellen. Anschließend werden wir das Werk Academie de l’Espée und das darin beschriebene Fechtsystem beleuchten.

 

Gerard (Gérard, Giraldo, Girard, Geraerd) Thibault wird 1574 in Antwerpen als Sohn des Kaufmanns Hendrick Thibaut und seiner zweiten Frau Margaret van Nispen geboren. Über seine frühen Jahre ist nichts näheres bekannt.

 

Erst 1605 taucht in den Archiven der Stadt Amsterdam ein Vermerk auf, der Thibault als Wollhändler in der Stadt Sanlucar de Barrameda, in der Nähe Sevillas verortet. Diese kleine Stadt an der Mündung des Guadalquivir ist bekannt als die Wirkstätte Jerónimo Sánchez de Carranzas, des Begründers der spanischen Fechtkunst “la verdadera Destreza”. Thibault scheint einige Jahre in Spanien verbracht zu haben und es ist wahrscheinlich, dass er in dieser Zeit in Kontakt mit Luiz Pacheco de Naváez oder anderen Schülern Carranzas und deren “wahrer Kunst” gekommen ist. Ob er unter dem einen oder dem anderen Meister lernte, oder sich anderweitig mit deren Theorien vertraut machte ist unklar und bleibt Gegenstand der Recherchen dieses Projektes.

 

Sicher ist nur, dass Thibault im Herbst 1610 nachweislich zurück in Amsterdam ist, wo er ein Dokument bzgl. des Vermächtnisses seines Vaters und seiner Schwester unterzeichnete.

1611 präsentiert Thibault erstmals seine unkonventionelle Fechtkunst in Rotterdam, wo er einen großen Wettstreit, bei dem zahlreiche niederländische Fechtmeister teilnahmen, für sich entscheidet.

 

Aus den Gedichten des Album Amicorum geht hervor, dass Prinz Maurits (Maurice) von Nassau durch diesen Triumph auf Thibault aufmerksam wird und diesen, zusammen mit anderen niederländischen Fechtmeistern, darunter Lambert van Someren, Thibaults früherer Lehrer, an seinen Hof einlädt, um sich persönlich von Thibaults Fechtkunst zu überzeugen. Erneut zeigt sich Thibault siegreich und wird durch den Prinzen geehrt.

 

1613 taucht Thibault erneut in Amsterdam auf. Dieses Mal als Zeuge bei der Taufe seiner Nichte Leonora. Durch seine Siege in Rotterdam und am Hofe des Prinzen von Nassau erlangte Thibault großes Ansehen als Fechter und aus den Einträgen des Album Amicorum geht hervor, dass er seine Kunst daraufhin in irgendeiner Form in Amsterdam lehrt.

1615 beauftragt Thibault den Kupferstecher Michel le Blon damit einige Drucke zur Ehre der Fechtkunst, für ihn anzufertigen. Deutet dies darauf hin, dass Thibault zu diesem Zeitpunkt beginnt konkrete Pläne für sein Buch Academie de l’Espée zu schmieden? Möglicherweise. Beweisen lässt sich dies nicht.

Was sich hingegen belegen lässt, ist dass Thibault im Dezember 1615 Amsterdam verlässt, um einer Einladung an den Hof in Kleve zu folgen. Auch dort demonstriert Thibault sein Fechtsystem erfolgreich, was aus Gedichten aus dem Album Amicorum hervorgeht.

 

Im Herbst 1617 verlässt Thibault Kleve. Dies kann erneut an einer Eintragung im Album Amicorum belegt werden. 

 

1618 scheint Thibault wieder in Amsterdam zu sein, wo er Johan Leenman damit beauftragt eine große Zahl von Rahmen aus Walknochen herzustellen, um darin Bilder zu rahmen, die in seinem Zimmer hingen. Handelte es sich hierbei um Zeichnungen für Academie de l’Espée? 

 

1620 und 1621 taucht Thibault in Form von Eintragungen in Alba Amicorum und Vertragsdokumenten für weitere Rahmen erneut auf. Er scheint immer noch in Amsterdam zu leben.

Im Februar 1622 verlässt Thibault Amsterdam, um an der Universität in Leiden Mathematik zu studieren. 

 

Aus einer Eintragung Thibaults im Album Amicorum von Cornelis de Glarges von Harlem, von 1624, geht hervor, dass Thibault zu diesem Zeitpunkt möglicherweise Fechtmeister der Universität von Leiden ist. Ein offizieller Beleg in Form einer Urkunde o. Ä. fehlt allerdings.

 

Während seiner Zeit in Leiden arbeitet Thibault vermutlich fieberhaft an der Vollendung seines Buches. 

Wir wissen, dass Thibault sich neben den Höfen von Kleve und Den Haag auch an den Höfen von Paris, Brunswick und Lippe aufhielt, um für sich, seine Fechtkunst und sein großes Werk zu werben. Wann er diese Reisen unternimmt ist nicht sicher.

 

In der ersten Hälfte des Jahres 1627/28/29 stirbt Gerard Thibault, ohne die Veröffentlichung der Academie de l’Espée mitzuerleben. Weder der genaue Todestag noch der Ort und der Grund seines Ablebens sind bekannt. Thibault hat nie geheiratet und hatte keine Kinder.


 

Das Lebenswerk Thibaults - Academie de l’Espée - wurde 1630, ein paar Jahre nach dem Tod des Autors, veröffentlicht. Das Buch umfasst mehrere hundert Seiten, die in zwei Teile aufgeteilt sind, von denen der Erste 33 und der Zweite 13 Drucke von Kupferstichen höchster Qualität, von 16 unterschiedlichen niederländischen, belgischen und deutschen Kupferstechern enthält. Diese Drucke zeigen die Proportionslehre Thibaults und mit dem “mysteriösen Kreis” den theoretischen Unterbau seines Fechtsystems und die einzelnen Techniken, die vom Ziehen des Schwertes über den Kampf mit dem Rapier allein, über die Verwendung des Rapiers gegen andere Waffenkombinationen (Rapier und Dolch, Rapier und Schild, das Lange Schwert und die Muskete) reichen. Ein dritter Teil über den berittenen Kampf war geplant, konnte aber nicht mehr umgesetzt werden. Gedruckt wurde das Buch im heute noch bekannten Elzevier-Verlag. Veröffentlicht wurde es von der Familie Thibaults selbst. Aus den im Buch abgedruckten Familienwappen ist ersichtlich, dass das Werk von König Luis dem XIII. von Frankreich, Joachim Sigismund von Brandenburg, dem Herzog von Kleve, seinem älteren Bruder Georg Willem, dem Kurfürsten von Brandenburg, Prinz Maurits von Nassau, Christian, Herzog von Brunswick-Lüneburg, den Brüdern Simon und Otto, den Grafen von Lippe, Frederick Heinrich, Stephan Gans, freiem Herrn von Potlits und Wolfshagen und schließlich Ernst Casimir, Stadthalter von Friesland unterstützt wurde.

 

Das Fechtsystem, das Thibault in der Academie de l’Espée aufs Äusführlichste darlegt, ist stark im Zeitgeist der auslaufenden Renaissance und der frühen Neuzeit verankert. Die Grundlage vieler Wissenschaften und Künste dieser Zeit, und so auch aller Lektionen in Academie de l’Espée bildet der menschliche Körper mit seinen Proportionen. Davon leiten sich die Gestalt und die Länge des perfekten Schwertes und davon der  mysteriöse Kreis, mit all seinen Sekanten und Tangenten ab, woran wiederum die Beinarbeit und damit die Bewegung durch Zeit und Raum beschrieben und erklärbar gemacht wird (Kapitel 1). Im zweiten Kapitel diskutiert Thibault erneut die Proportionen des menschlichen Körpers, legt hier aber den Fokus auf einen Vergleich seiner Beobachtungen mit denen Albrecht Dürers und im Anschluss daran auf die Ableitung der perfekten Form und Bemessung des Schwertgehänges. Im dritten Kapitel geht er auf die richtige Art und Weise ein das Schwert zu ziehen und wie man korrekt an den mysteriösen Kreis treten soll. Das vierte Kapitel beschäftigt sich dann mit der Position der geraden Linie und deren Eigenschaften mit all ihren Vor- und Nachteilen gegenüber anderen Fechthaltungen. Ab dem fünften Kapitel werden nun verschiedene Techniken dargestellt und erläutert, um Thibaults System in all seinen Details zu beleuchten und im Anschluss darauf einzugehen, wie man mit diesem System gegen andere Systeme und Waffenkombinationen vorgehen soll. Bei der Beschreibung dieser Techniken, die viele, hochpräzise und komplexe Bewegungsabläufe erfordern, greift Thibault auf sein zuvor im ersten Kapitel etabliertes Grundgerüst, dass aus dem mysteriösen Kreis, mit all seinen Wegpunkten, von denen sich alle Schritte und zu überbrückenden Distanzen ableiten und seiner Einteilung der Klinge in 12 Teile besteht, zurück, um teilweise millimetergenaue Angaben über die Positionen des Körpers und der Klingen zueinander machen zu können. In kaum einem anderen Fechtbuch finden sich solch exakte Beschreibungen. Dies erleichtert die Interpretation der einzelnen Techniken enorm.

 

Die aufrechte Fechthaltung in der Position der geraden Linie, die nonlineare Beinarbeit mit vorrangig relativ kleinen “Gehschritten”, die recht häufige Verwendung von Hieben und des Greifens des Schwertes des Gegners, sowie der Fokus auf einem bindungsorientierten Fechten u.v.m. erinnern stark an Kernelemente der spanischen Fechtkunst La Verdadera Destreza. Allerdings gibt es auch deutliche Unterschiede zu diesem System, was eine eindeutige Einordnung in die Fechttraditionen Europas erschwert. So verwendet Thibault eine einzigartige Griffhaltung, positioniert seine Füße anders, als die anderen Destreza-Autoren, verwendet eine vollkommen andere Nomenklatur und nimmt scheinbar auch eine andere ethisch-moralische Haltung zum Kampf an sich ein. Die Analyse von Thibaults System und die Einordnung innerhalb von Destreza und anderen europäischen Kampfkunstsystemen wird ein Teils des Kerns der Forschung dieses Projektes sein.

 

Quellen:

De la Verwey, Herman Fontaine, (1978). Gerard Thibault and His ‘Academie De L’Espée’. Quaerendo, 4, überarbeitete englische Übersetzung, Goethals, Alwin, (2012)

Majár, J., & Várhelyi, Z. (2015). Thibault and Science I. Measure, Distances and Proportions in the Circle. Acta Periodica Duellatorum, 2(1), 150–187. Retrieved from https://bop.unibe.ch/apd/article/view/6998

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