Maße von Rapier und Dolch nach Francisco Lorenz de Rada

Rada beschreibt in seinem Buch “Nobleza de la Espada” die Maße für das Rapier (Espada) sowie den Dolch (Daga), der üblicherweise gleichzeitig mit der linken Hand geführt wurde. Der Dolch wird in Kreisen der Historischen Kampfkünste auch gerne als Parierdolch bezeichnet. In Radas Buch Nobleza de la Espada wird die Waffe mit “Espada” bezeichnet, was übersetzt schlicht “Schwert” bedeutet. Gebräuchliche weitere Begriffe lauten: Rapier bzw. Degen. Zur Zeit Radas, Ende des 17. bzw. Anfang des 18. Jahrhunderts, waren im Herrschaftsbereich der spanischen Krone - immer noch - sogenannte Glockenrapiere oder Glockendegen in Mode und Gebrauch. Der Übergang zum Hofdegen (engl.: Smallsword) wurde in diesem Bereich erst später eingeleitet als beispielsweise in Frankreich.


1. Versuch einer Klassifizierung


Nach dem Versuch einer Klassifizierung von Rapieren durch A.V.B. Norman (The Rapier and Smallsword, 1460-1820, S. 174-176 und 179-180) könnte es sich um die Glockenrapiere mit den Hilts* 100 (ca. 1630 bis 1700 und später) und 101 (ab 1650) gehandelt haben. Ein signifikanter Unterschied besteht vor allem in der Form der Glocke. Während bei Hilt 100 die Glocke flacher ausfällt und einen umgeschlagenen Rand als Klingenfang aufweist, fehlt dieser bei Hilt 101. Hilt 101 fällt zudem tiefer aus. Norman verweist explizit auf Hilt 101 in Zusammenhang mit Francisco Lorenz de Radas Fechtbuch Nobleza de la Espada auf Seite 179.

Quelle: The Rapier and Small-Sword 1460-1820, A.V.B. Norman, S. 174 u. 179.


Dazu muss allerdings angemerkt werden, dass die Abbildungen in Nobleza de la Espada insgesamt künstlerisch nicht annähernd so hochwertig sind, wie vergleichsweise in Gerard Thibault d’Anvers Fechtbuch Academie de l’espeé. In Nobleza de la Espada fehlt in einigen Abbildungen beispielsweise die Darstellung des bei Glockenrapieren üblichen Faustbügels.


Quelle: https://tinyurl.com/c86yeja4


Die Bandbreite an Rapierformen dürfte sich daher nicht auf Hilt 101 beschränkt haben, sondern darüber hinaus Hilt 100 und sicherlich auch andere Formen umfasst haben.

Der Dolch in Radas Nobleza de la Espada ist anscheinend der damals - nicht nur - in Spanien übliche sog. Segeldolch (Segel: aufgrund der Form des Handschutzes). Trotz der fehlenden Qualität der Abbildungen ist diese Form des Dolches in der Quelle recht eindeutig zu identifizieren.


Quelle: https://tinyurl.com/c86yeja4


Aufbau des Rapiers und Dolches

Abbildung: moderner Trainingsrapier von Filo Verdadero und Trainingsdolch von Destrezania


2. Quellenauszüge

  • Nobleza de la Espada, 1705

  • Buch 3

  • Kapitel 30

  • Seiten 505-507

  • Abbildung: Estampa 44, Seite 507 (Quelle. Biblioteca Nacional de España)

Die folgenden Übersetzungen sind nicht sehr professionell geraten und gefühlt nicht sehr rund, da ich erst seit November 2020 Spanisch lerne. Der Informationsgehalt sollte aber erfasst sein. Mein Dank geht an dieser Stelle an Manuel Mignone von der TGM Münster für seine Unterstützung.


Bezugsgröße (Seite 504):

“Lo que sabemos acerca de la altura de las figuras, es, que la que se tiene por mas perfecta (y à quien los Pintores, y Escultores llaman del natural) tiene dos varas de alto, que hazen seis tercias, ò seis pies Geometricos; y dividendo cada vno en diez y seis dedos, que le toca a pie, tendrèmos toda la altura de la figura repartida en noventa y seis partes, ù dedos.”


Übersetzung:

Was wir über die Größe der Figuren wissen, ist, dass diejenige, die am vollkommensten ist (und die die Maler und Bildhauer als natürlich nennen), zwei Vara beträgt, was sechs Drittel oder sechs geometrische Fuß sind; und wenn man alles durch sechzehn Finger teilt, das bis zu den Füßen reicht, dann haben wir die Gesamthöhe der Figur in 96 Teile oder (96) Finger geteilt.


Bezug auf das Gesetz König Philipps II. (Seite 505):

“Esta medida es igual à las cinco quartas, que por ley del Reyno se manda dar à la longitud de la Espada, desde la punta hasta el recazo, ò gavilanes; [...]”


Übersetzung:

Dieses Maß ist gleich den fünf Viertel (Anmerkung: Vara), die nach dem Gesetz des Königs** vorgegeben sind, für die Länge des Schwertes von der Spitze bis zum Ricasso oder der Kreuzstange; [. . . ]


Espada (Seite 505/506):

“La Espada, desde la punta al pomo, siendo de la marca, tiene quatro tercias, que hazen quatro pies, que multiplicados 16. por 4. hazen 64. dedos por toda su longitud, desde el pomo à la punta.

Yà queda dicho arriba, que el Brazo desde la linea racepta al ombro tiene dos pies Geometricos, y la Espada quatro; estando empuñada en la mano, llega el pomo à la linea racepta; con que juntando los 64. dedos que tiene la Espada de longitud, con 32. que tiene e Brazo, se hallaràn, que la suma del Brazo, y Espada son 96. dedos, que es lo mismo que tiene de alto la figura del hombre.

La Cruz de la Espada tiene de longitud vn pie Geometrico, que hazen 16. dedos: de estos ocupa el vaso, ò guarnicion los ocho dedos; porque su semidiametro es la quarta parte de vn pie.”


Übersetzung:

Das Schwert, welches von der Spitze bis zum Knauf reicht, ist vier Drittel lang, das entspricht 4 geometrischen Fuß, multipliziert mit 16 und das mal 4 genommen, was eine Länge von 64 Fingern ergibt. Wie bereits weiter oben beschrieben, beträgt der Arm vom Handgelenk bis zur Schulter zwei geometrische Fuß, und das Schwert vier, in der Hand gepackt erreicht der Knauf das Handgelenk (linea racepta), das mit diesem die 64 Finger ergibt, die das Schwert an Länge beträgt. Mit den 32 Fingern des Arms ergibt die Summe aus Arm und Schwert 96 Finger, was die Größe der Figur des Menschen darstellt. Die Kreuzstange des Schwertes hat eine Breite von einem geometrischen Fuß, dies entspricht 16 Fingern. Daraus ergibt sich für das Gefäß ein Durchmesser von acht Fingern, da dessen Radius einem Viertel Fuß entspricht.


Daga (Seite 506):

La Daga, desde el pomo à la punta, tiene dos pies Geometricos, que es la tercia parte de la longitud del Cuerpo, ò la mitad de la Espada, ò lo que tiene el Brazo que la govierna, desde el ombro, ò centro, hasta la linea racepta.

La Cruz de la Daga tiene ta mbien de longitud la cantidad de vn pie, que son 16. dedos; de estos ocupas la concha ocho dedos, con poca diferencia. [...]”


Übersetzung:

Der Dolch, vom Knauf bis zur Spitze, misst zwei geometrische Fuß. Dies entspricht von der Länge her, einem Drittel der Körpergröße, der Hälfte der Länge des Schwerts. Und ist äquivalent der Länge des den Dolch führenden Armes, gemessen von der Schulter bis zum Handgelenk.

Die Breite der Kreuzstange des Dolches bemisst ebenfalls einen Fuß (wie beim Schwert), was eine Breite von 16 Fingern ergibt, von denen 8 auf die Muschel/das Segel fallen, mit geringerem Unterschied (vermutlich zur Glocke des Rapiers).


In Bezug auf die folgende Abbildung (Estampa 44) finde ich bemerkenswert, dass die Kreuzstange, ähnlich wie in Thibaults Fechtbuch, auf der Höhe des Bauchnabels liegt, wenn man den Rapier mit der Spitze zum Boden nimmt.

Quelle: http://bdh-rd.bne.es/viewer.vm?id=0000014723&page=1


3. Zusammenfassung


Zu den Maßeinheiten:

1 Kastilischer Vara (vara castellana) = 3 Kastilische Fuß (pie castellano) = ca. 83,5 cm

1 Fuß = 16 Fingern = ca. 27,8 cm

1 Finger = ca. 1,73 cm (Breite eines Fingers)


Die Bezugspunkte für die Maße des Rapiers und des Dolches ergeben sich laut Rada aus den perfekten Proportionen eines Menschen. Er erwähnt in diesem Zusammenhang Künstler, wie zum Beispiel Maler und Bildhauer “los Pintores, y Escultores” und beschreibt als natürliches Maß “natural” die Höhe von zwei kastilischen Varas “dos varas de alto”. Die ideale Größe eines Menschen wurde sodann in 96 Fingern umgerechnet. Davon musste das Schwert 64 Finger messen, das entspricht ⅔ Drittel der Maße des Mannes.

Die Kreuzstange musste 16 Finger messen, ⅙ der Maße des Mannes. Das Gefäß musste insgesamt 1/12 der Maße des Mannes entsprechen.

Hinzu trat das königliche Gesetz von 1566, wonach ein Schwert vom Ort bis zur Kreuzstange maximal ⅘ Vara (umgerechnet ca. 104,5 cm) lang sein durfte, worauf Rada explizit verweist.

Die Gesamtlänge des Dolches beträgt ⅓ der Körpergröße oder die Hälfte der Schwertlänge oder eine Armlänge. Die Kreuzstange des Dolches beträgt einen Fuß oder 16 Finger. Die Breite der Muschel wird mit acht Fingern angegeben. Was hier genau gemessen wurde, ist mir allerdings unklar - ich vermute die breiteste Stelle des Segels oder aber die Länge des Segels.


Daten insgesamt:


Größe des idealen Mannes als Bezugspunkt: 1,67 m

Gesamtlänge des Rapiers: 111,2 cm

Klinge: maximal 104,5 cm (eher kürzer)

Kreuzstange: 27,8 cm

Gefäß Durchmesser: 13,9 cm

Griff: für den Griff inkl.Pommel bleiben ca. 6,7 cm bei maximal zulässiger Klingenlänge

Bezüglich der Grifflänge rät Rada, dass in der Position des Angulo Recto der Knauf am Handgelenk (linea racepta) liegen sollte. Dadurch fällt der Griff des spanischen Rapiers generell kürzer aus.


Quelle: mit freundlicher Genehmigung von André Hajjar/ Destreza Nova /https://destrezanova.ca/

(línea receta = linea racepta)


Gesamtlänge des Dolches: 55,6 cm

Kreuzstange: 27,8 cm

Breite des Segels: 14,9 cm (vermutlich an breitester Stelle)


Rada hat in seinem Fechtbuch sehr exakte Angaben gemacht. Dabei spielen zwei Bezugsgrößen eine wichtige Rolle. Zum einen die Größe des aus damaliger Sicht idealen Mannes mit einer Höhe von etwa 1,67 m und der per königlichem Gesetz von 1566 maximal zugelassenen Klingenlänge von 104,5 cm.

Dies lässt Raum zur Spekulation was das für die heutigen Historischen Kampfkünste bedeuten mag. Um sich näher am historischen Kontext bewegen zu wollen, ist es sicherlich angebracht die damals übliche und vorgegebene maximale Klingenlänge zu beachten. Es sollte aber heute nicht per se jegliche längere Klingenlänge quasi verbieten, da wir uns heutzutage in anderen Kontexten bewegen. Zum Beispiel sind insbesondere heute viele Menschen größer als 1,67 m und dadurch kann sich - nicht nur Radas Logik folgend - ergeben, dass die Gesamtlänge und damit auch die Klingenlänge oder auch der Griff eines Rapiers beispielsweise für einen Menschen mit 1,90 m Größe länger sein könnte. Als Ansatzpunkt könnte dienen, dass die Kreuzstange sich ungefähr auf Höhe des Bauchnabels befindet, wenn der Rapier mit der Spitze zum Boden abgestellt wird. Interessanterweise findet sich dieser Ansatz auch bei anderen Autoren des 17. Jahrhunderts. Ebenfalls zu beachten ist aber, dass sich auch damals größere Menschen an das königliche Gesetz zur Begrenzung der Klingenlänge halten mussten. Insoweit entscheidet heute jeder selbst welchem Ansatz er folgen möchte. Ich erachte als wichtig, dass man sich das Vorgenannte als Historische(r) FechterIn, die/der Destreza praktizieren möchte, bewusst machen sollte. Ein Rapier war vermutlich, wie andere Waffen auch, eine persönliche Waffe, die dem Anwender nach Körper und Fechtstil entsprechen sollte. Warum sollte das heute nicht anders sein? Handwerker beispielsweise können Lieblingswerkzeug haben, mit dem sie vielleicht schneller und genauer arbeiten können als mit anderen durchaus vergleichbaren Werkzeugen. Der eine Füllfederhalter fühlt sich beim Schreiben vielleicht gefälliger an als ein anderer. Auch hier entscheiden unter Umständen kleine Details.


* Zur Zitierung des Gesetzes: https://www.cuadratura-del-circulo.de/die-waffen

** Gehilz: Bereich Gefäß + Kreuzstange + Ricasso + Griff + Knauf


Literaturhinweise:

  • Interessantes Interview mit Ton Puey, bei dem dieses Thema auch angesprochen wird: https://tempus-fugitives.co.uk/an-interview-with-ton-puey

  • From the Page to the Practice, Puck Curtis and Mary Dill Curtis, Freelance Academy Press, S. 2-5

  • The Rapier and Smallsword, 1460-1820, A.V.B. Norman

  • Rapier: https://en.filoverdadero.com/product-page/ropera-academia

  • Dolch: https://www.destrezania.com/index.php/es/tienda/product/view/4/6