Domingo Luis Godinho und was es bedeutet ein Vulgar zu sein

Gastbeitrag von Elmar Homann


Inspiriert durch die Übersetzung des Essays „Being a Diestro“ in diesem Blog beschäftigte mich der Gedanke, was es im Umkehrschluss bedeuten könnte, kein Diestro zu sein. Sebastién Romagnan beschreibt den Diestro als intellektuellen, tugendhaften und moralisch geprägten Fechter und Edelmann, der stets bemüht ist Leben zu schonen und sein Fechten auf wissenschaftliche Konzepte zu stützen. Mir stellt sich natürlich die Frage, wer Zugang zum Kodex des Diestro im Verdadera Destreza hatte und wer es sich leisten konnte, diesem zu folgen. Ich begebe mich mit der folgenden Aussage zunächst in eine Dimension wilder Spekulation und stelle die Behauptung auf, dass dies lediglich auf einen kleinen Teil der spanischen Gesellschaft zutreffen konnte. Präzise betrachtet, dürfte der Diestro Spross einer Adelsfamilie - ein sog. Hidalgo (hijo de algo = Sohn von (einer Familie mit) Besitz) - gewesen sein. Gegebenenfalls ist auch ein Zugang über eine Karriere beim Militär oder eine gutbürgerliche Stellung mit einem entsprechend finanzkräftigen Hintergrund ebenfalls denkbar. Auf der Annahme basierend, dass die Bezeichnung Diestro damit faktisch nicht nur ein machtpolitischer Titel war, sondern ein aktiv gelebtes, kulturelles Modell, ergibt sich als logische soziologische Konsequenz mindestens eine weitere Gruppe, die ein anderes kulturelles Modell gelebt hat bzw. leben musste. Selbstdefinition bedeutet immer auch Abgrenzung und Schaffung von Außenstehenden. Verfolgt man diesen Gedanken weiter auf der Ebene des Fechtens, so fällt hier natürlich die Gruppe der gemeinen bzw. gewöhnlichen Fechter auf, die in der La Verdadera Destreza Tradition, insbesondere von Pacheco, in der Regel als „Vulgar“ betitelt wurden. Verglichen mit den erhaltenen Werken, die sich mit La Verdadera Destreza beschäftigen, bleibt die Ausbeute an Titeln, die das iberische Esgrima Commun - klammert man beispielsweise die italienischen, französischen und deutschen Meister einmal aus - beschreiben, sehr überschaubar. Der einzige iberische Meister dessen Werk überliefert und vor allem nahezu komplett erhalten ist, ist Domingo Luis Godinho, der zwar Portugiese war, aber sein Buch über “den alten Stil” auf spanisch schrieb.

Sein Werk, datiert auf das Jahr 1599, das nach den Angaben von Tim Rivera (auf dessen Übersetzung sich auch alle folgenden Angaben beziehen) eher eine lose handschriftliche Sammlung von Notizen war, die teilweise korrigiert, umgeschrieben oder nicht vollendet wurden. Zudem wurde sein Werk nie veröffentlicht und fällt in eine Zeit, in der zum einen die spanische und portugiesische Krone vereint waren und zum anderen die Tradition von La Verdadera Destreza noch relativ am Anfang stand. Es beschreibt das Fechten nach eben jenem alten Stil. Über Godinho selbst ist wenig bekannt, jedoch lassen sich aus seinen Anweisungen, die er zu hinterlassen plante, durchaus einige Rückschlüsse auf die Realitäten seiner Lebenswelt schließen, welche die Aussagen des Diestro Kodex an einigen Stellen auf bemerkenswerte Weise konterkarieren. Godinho gibt äußerst präzise Anweisungen zum Gebrauch eines umfassenden Portfolios an Waffen und Waffenkombinationen. Darunter fällt neben dem Schwert, alleine oder in Kombination mit Schild, Buckler, Umhang oder Dolch, der Gebrauch des Montante und von zwei Schwertern gleichzeitig. Mehrere Details in den jeweiligen Ausführungen zu den unterschiedlichen Waffen sind hierbei bemerkenswert. Godinhos Ausführungen zum Gebrauch des Montante sind die wahrscheinlich am detailliertesten, die zum Gebrauch dieser Waffe bis heute bekannt sind. Dies betrifft zum einen Beinarbeit und die Handhabung der Waffe, zum anderen liefert Godinho dem aufmerksamen Leser einen taktischen Leitfaden, der eine praktische Anwendung in einer ernsthaften Gefechtssituation ermöglicht. Er lässt Erfahrungsberichte über Fehler, deren Zeuge er anscheinend wurde, einfließen und untermauert so seine Expertise. Die Glaubwürdigkeit Godinhos als Fechter wird aber auch durch seinen Umgang mit dem Schwert deutlich. Hierzu zählen unter anderem das ausgeprägte Selbstbewusstsein, im Kampf einen Schnitt des gegnerischen Schwerts über den Arm in Kauf zu nehmen (Kapitel 20, Schwert), in dem Wissen, dass dieser nicht durch die Kleidung dringen wird oder aber der Hinweis, bei Nutzung des Mantels zur Verteidigung niemals Hiebe mit dem Unterarm zu blocken (Kapitel 3, Schwert & Mantel), da die Verletzungsgefahr komplett unvorhersehbar ist. Weitere Details wie der Platz, an dem der Dolch getragen werden sollte (Kapitel 51, Schwert & Dolch), damit man sich beim Ziehen beider Waffen nicht aus Versehen selbst die Unterarme aufschneidet oder jemanden, der einen Parierdolch zu seinem Schwert führt besser ebenfalls mit einem Parierdolch zu begegnen oder aber tunlichst auf Hiebe zu verzichten seien hier als letzte, speziell fechtspezifische Beispiele genannt, die Godinho als offenbar kampferfahrenen Fechter ausweisen (Kapitel 51, Schwert & Dolch).


Neben den bis hier beispielhaft genannten Informationen gibt Godinho aber auch weitere Anweisungen und Tipps. Der Fechter, der in die Fechtschule geht, ist dazu angehalten, sein scharfes Schwert erst dann abzugeben, wenn er seine stumpfe Übungswaffe in der Hand hält. Er soll sein scharfes Schwert außerdem nur jemandem geben, dem er bedingungslos vertraut (Kapitel 8, Schwert). Godinho geht an dieser Stelle nicht auf das „Warum?“ ein, aber die Gefahr, die mit einer auch nur kurzen Zeit der Waffenlosigkeit einhergeht, ist an dieser Stelle förmlich spürbar. Dieser Punkt wird weiterhin unterstrichen durch sehr präzise Anweisungen, welche Eigenschaften der Schüler und welche Eigenschaften der Lehrer haben sollte (Kapitel 11 & 12, Schwert). Beides wird eingebettet in ein detailliert beschriebenes Ritual, dass einem Übungsgefecht vorauszugehen hat (Kapitel 13, Schwert). Godinho lässt an dieser Stelle offen, ob es sich hierbei um einen Ratschlag für die Gründung der eigenen Fechtschule oder aber einen Maßstab handelt, den der kluge Mann beim Besuch einer beliebigen Fechtschule ansetzen sollte. Wendet man den weiter oben bereits erwähnten Mechanismus an, nach dem Definition gleichzeitig Abgrenzung ist, wird ersichtlich, dass es auch Fechtschulen gegeben haben muss, die diese (für uns heute selbstverständlichen) Qualitätsansprüche nicht erfüllt haben.

Romagnan erwähnt in seinem Essay den Trienter Rat und das damit einhergehende Verbot von Duellen auf rechtlicher Ebene und die Ablehnung im Rahmen des Diestro Kodex. Godinho warnt wiederholt davor, nachts beim Verlassen des Hauses einen Mantel oder eine Schwertscheide (vom Montante) zu tragen (Kapitel 1, Montante). Schiebt man beide Perspektiven übereinander bestätigt sich hier ganz offensichtlich das Verbot von Duellen bzw. bewaffneten Auseinandersetzungen. Allerdings scheint Godinho nicht den Luxus zu genießen, einem Kampf auch immer aus dem Weg gehen zu können. Vielleicht ist er auch schlicht anderer Meinung. Am Ende zeigt diese Anmerkung von ihm jedoch, dass es selbstverständlich Menschen gegeben haben muss, die sich nicht nach den Verhaltensregeln des Diestro gerichtet haben. Godinho empfiehlt außerdem, nach einem nächtlichen Gefecht sicherzustellen, keine Hinweise auf die eigene Identität zu hinterlassen.

Mehrere der Techniken die er beschreibt, unter anderem das korrekte Ziehen des eigenen Schwertes, welches ebenfalls detailliert beschrieben wird, beinhalten die Phrase „Wenn beide ans Ende ihrer Worte gekommen sind“ (Kapitel 3, Schwert). Auf den ersten Blick deckt sich diese Aussage mit dem Kodex des Diestro, den Kampf zu vermeiden und zunächst Probleme mit Worten zu lösen. Allerdings erscheint ein Streit zwischen zwei Männern, die „am Ende ihrer Worte“ direkt die Schwerter ziehen und aufeinander losgehen nicht wie ein formal organisiertes Ehrenduell unter zwei Diestros.

Unterstrichen wird diese Annahme durch das eigens zum Thema „Verrat“ verfasste Kapitel (“Gegen Verrat” komplettes Kapitel). Godinho beschreibt hier diverse hinterhältige Manöver, die durch Lügen getarnt werden und ebenso, wie man diesen Manövern zuvor kommt und in diesem Falle zu eigenen, ehrenhalber eher fragwürdigen Mitteln greift. So sei hier als Beispiel das vermeintliche Schwören auf Gott durch das Kreuz des Schwertes als Entschuldigung genannt, welches in Wirklichkeit ein hinterhältiger Angriff werden soll. Godinho empfiehlt bereits beim ersten Anzeichen eines entsprechenden Schwurs, das Schwert des Gegners in dessen Scheide zu blockieren und selbst zu ziehen um den Knauf im Gesicht des vermeintlich Reuigen zu platzieren um ihn anschließend zu erstechen – man muss schließlich auf Nummer sicher gehen. Bei einer erwarteten Überzahl an Gegnern wird des nachts Sand in ihre Augen geworfen und im Falle einer unerwarteten Überzahl an Gegnern gibt Godinho präzise Anweisungen, wie diese mit nur einem Schwert anzugreifen sind. Alle diese Szenarien sind derartig unehrenhaft und die Beteiligten übertreffen sich gegenseitig an Hinterhältigkeit, dass sie an keiner Stelle mit dem Diestro Kodex in Einklang zu bringen sind. Die von Romagnan kritisierte Darstellung der Duellfreude durch Musketierfilme etc, dürfte zumindest einen gewissen Teil an Wahrheit beinhalten, da sie zwar nicht auf den Diestro zutrifft, wohl aber auf einen anderen, nicht unerheblichen Teil der Gesellschaft zur damaligen Zeit. Führt man sich zudem die Anzahl an militärischen Konflikten vor Augen, die Spanien in seinem „goldenen Jahrhundert“ geführt hat, wird schnell klar, dass es sich bei diesen Leuten wahrscheinlich oftmals um einfache Einwohner, Soldaten bzw. Veteranen gehandelt hat, die durchaus wussten, welches Ende der Waffe am Ende der eigenen Worte diesen noch einmal gehörigen Nachdruck verleiht und die durch ein Duell ihre Ehre wiederherstellen wollten. Die Bezeichnung „Vulgar“ erschließt sich aus dieser Perspektive ebenfalls etwas besser, wenn man bedenkt, dass damit das Fechten des einfachen Mannes, das einfache, weil gefechts-/straßentaugliche Fechten und nicht zuletzt das schmutzige und hinterhältige Fechten bezeichnet wird. Godinho beweist jedoch, dass es sich dabei keinesfalls nur um eine Ansammlung von Tricks bzw. risikobehafteten Manövern handelt. Er zeigt, dass der alte Stil ein ausgeprägtes Verständnis für Mensur und Tempo hat und dies auf eine unkomplizierte und direkte Art umzusetzen versteht.


Um Romagnans Essay zum Diestro Respekt zu zollen, möchte ich meine Gedanken ebenfalls mit einem Zitat von Ryan Neale schließen: „It is nasty, it is mean, it is vulgar, it is Godinho.“ (Es ist böse, es ist gemein, es ist vulgar, es ist Godinho.”)

 

Über den Author:

Elmar trainiert bei den Hospitaliter zu Magdeburg e.V. Er beschäftigt sich seit 3,5 Jahren hauptsächlich mit dem Montante und Quellen des Esgrima Commun. Damit verbunden ist auch das Training mit dem Schwert nach Godinho, dem Mangual und dem die jeweilige praxistaugliche Anwendung.


 

Literatur & Links:


Über Godinho:

https://wiktenauer.com/wiki/Arte_de_Esgrima_(MS_PBA_58)

https://www.amazon.de/Iberian-Swordplay-Domingo-Godinhos-Fencing/dp/193743933X

https://www.freelanceacademypress.com/iberianswordplaydomingoluisgodinhosartoffencing1599.aspx


http://ageaeditora.com/livros/arte-de-esgrima/

Destreza Lecture über Godinho https://youtu.be/gm3Yxoi5omE


Über Vulgar:

https://www.spanishsword.org/files/common.fencing.glossary.pdf


Manuel Valle über Destreza & Vulgar

https://youtu.be/_TbOeReQcU0

https://youtu.be/gjoH0mwuYXI


Aus Sicht des Destreza Authors Pacheco über Vulgar insgesamt, weit über Godinho hinaus:

https://www.spanishsword.org/files/new.science.thirty.techniques.translation.pdf

https://elegant-weapon.blogspot.com/2018/01/episode-134-pacheco-on-vulgar-fencing.html