Das Schwert in Gérard Thibaults Académie de l'Espée


Dieser Artikel soll einen Überblick über die Maße und die Form des Schwertes bieten, wie sie in Académie de l’Espée von Thibault, anhand des mysteriösen Kreises, ausgelegt werden. Außerdem werde ich auf einige Anwendungsbeispiele eingehen, die mit dieser spezifischen Form des Schwertes und dessen Maßen zusammenhängen.



 


Für Diejenigen die sich nicht so sehr für die detaillierte Auseinandersetzung mit dem Text und der Sekundärliteratur interessieren hier eine kurze Zusammenfassung der wichtigsten Punkte:


  1. Alle Maße sind abhängig von der Körpergröße und den Proportionen der Fechterin bzw. des Fechters.

  2. Die Klingenlänge, inklusive Ricasso, entspricht bei aufrechtem Stand der Distanz vom Boden bis zum Bauchnabel.

  3. Die Länge der Kreuzstange entspricht der Länge der eigenen Fußsohle.

  4. Die Länge von Hilze und Knauf zusammen entspricht der Länge einer Hand.

  5. Die Länge der Hilze entspricht etwa der Breite der Hand, was etwas mehr als die Hälfte der Länge von Knauf und Hilze zusammen ist.

  6. Die Länge des Knaufes entspricht etwas weniger als der Hälfte der Länge von Hilze und Knauf zusammen.

  7. Die Höhe des Gefäßes (Kreuzstange bis vorderer, kleiner Parierring) entspricht der Hälfte der Länge von Hilze und Knauf zusammen.

  8. Die Kreuzstange ist gerade.

  9. Der Knauf ist länglich oval und vermutlich rotationssymmetrisch.

  10. Die Hilze ist gerade und schwillt nicht zur Mitte hin an.

  11. Das Gefäß verfügt außen über zwei Parierringe und und innen über zwei sich kreuzende Bügel. Es gibt keinen Faustbügel. Der vordere Ring und die vordere Sektion der sich kreuzenden Bügel kann mit einem perforierten Blech gefüllt sein. Der vordere, kleine Parierring und und das vordere Ende der sich kreuzenden Bügel treffen sich an den Enden zweier Fingerringe, die an der Basis der Kreuzstange entspringen.

  12. Die Klinge ist deutlich stoßorientiert, d. h. lang und schlank. Der Klingenquerschnitt wird nicht definiert.


 

Die Klinge



“Et puis qu’il faut neceſſairement qu’une telle longueur ſoit proportionnée à la perſonne meſme, nous l’avons tirée & demonſtrée hors de la meſure de ſon corps; & voulons que chaſcun ait ſes armes proportionnée à l’advenant de ſa propre perſonne. Dont la meſure de l’Eſpee ſera telle, que la longueur de ſa lame depuis la pointe juſques à la croiſee, ſoit egale au demi Diametre; c’eſt aſſavoir, que la pointe eſtant miſe en terre entre le creux de ſes deux pieds, les branches de la garde luy viennent à reſpondre juſtement ſur la haueur de nombril; cōme il ſe voit exprimé au Cercle N. 1. Et le plus exaćtement qu’on le pourra pratiquer, ce ſera le meilleur, pour diverſes raiſons;”

Transkription: Bruce G. Hearns


“[Da] es zunächst notwendigerweise so sein muss, dass eine solche Länge proportional zur Person selbst ist, haben wir [diese Länge] von ihr bezogen & weisen außerdem die Vermessung ihres Körpers nach; & wollen, dass jeder seine Waffen entsprechend seiner eigenen Person proportioniert habe. Dadurch dass die Vermessung des Schwertes so geschehe, dass die Länge seiner Klinge von der Spitze, bis zum Kreuz, gleich dem halben Durchmesser [des Kreises] sei; ist es gewiss, dass wenn der Ort auf die Erde inmitten des Freiraums seiner [der eigenen] beiden Füße gestellt wird, sich die Zweige [gemeint sind wohl die Arme der Kreuzstange] des Gefäßes genau auf der Höhe des Nabels einfinden; wie zu sehen ist im Kreis Nr.1. Und wenn man das so exakt wie möglich anwendete, das wäre am besten, aus diversen Gründen;”

Académie de l'Espée, Kapitel 1

Übersetzung: Nico Banasch



Kreuzstange auf Höhe des Bauchnabels. Académie de l'Espée, Schaubild 1, Kreis 1


In Kapitel 1, welches sich mit den Erläuterungen des ersten Schaubildes in Académie de l’Espée befasst, geht Thibault in einem mehrseitigen Diskurs darauf ein welche Länge das Schwert, bzw. in diesem Falle die Klinge des Schwertes, haben sollte. Alle Maßangaben, die Thibault macht, leiten sich immer von den Proportionen des menschlichen Körpers ab. Um diese Zusammenhänge anschaulicher zu machen hat Thibault seinen sogenannten “mysteriösen Kreis” konstruiert. Auf diesen Kreis beziehen sich alle Maße des Schwertes, alle Distanzen des Kampfes, die Länge und die Abfolge der Schritte und die Positionierung der Waffen im Raum. Die genaue Konstruktion der Kreises wird zu gegebener Zeit in einem anderen Artikel behandelt werden. Wichtig ist hier nur zu verstehen, dass die Maße des Schwertes, von den Abmessungen des Kreises und diese von den Proportionen des eigenen Körpers abhängen und deshalb keine absoluten Aussagen über die richtigen Maße für ein Schwert im Sinne von Académie de l’Espée getroffen werden können. Am Ende des Artikels werde ich allerdings ein Beispiel zur Berechnung dieser Maße für mein eigenes Schwert geben, das zur Orientierung hilfreich sein dürfte.


Die Klingenlänge definiert Thibault anhand von Kreis 1, im Zentrum des Schaubildes 1. Dort sieht man ein schematisch dargestelltes Schwert, dass der Person, die sich im Kreis befindet von den Fußsohlen bis ca. zum Solar Plexus reicht. Die Kreuzstange befindet sich auf Höhe des Nabels und damit exakt im Zentrum des Kreises. Das bedeutet, dass die Klingenlänge inklusive Ricasso, exakt dem Radius des Kreises und damit 12 Nummern entspricht (eine Nummer = eine ThU).

Weiterhin erklärt Thibault die zehn kleinen Figuren, die sich am Rand von Schaubild 1 befinden. Diese sind mit den Buchstaben A-K gekennzeichnet und veranschaulichen alle wichtigen Aspekte, die mit der Länge der Klinge zusammenhängen.


Figur A zeigt eine Person, deren Schwert mit der Spitze auf dem Boden steht, während sie sich mit dem linken Ellenbogen auf dem Gefäß abstützt. Thibault führt dazu aus, dass das Schwert, wenn es die richtige Länge hat und mit dem richtigen Gehänge an den Leib gegürtet ist, niemandem im zivilen Alltag in die Quere kommt. Es störe weder im Gespräch mit anderen noch beim Durchschreiten enger Gassen. Es diene vielmehr als Stütze, wenn man das Schwert mit der Rechten vor den Körper ziehe, sodass die Spitze senkrecht auf den Boden stößt und das Gefäß genau auf Höhe des Nabels ist, sodass man sich darauf lehnen kann, wenn man den linken Fuß einen halben Fuß vorsetzt.

Académie de l'Espée, Schaubild 1, Figur A

Figur B zeigt eine Person, die das Schwert an der linken Seite gegürtet trägt. Die linke Hand liegt am Mund der Schwertscheide und die rechte scheint in einer Bewegung nach vorn gestreckt. Das rechte Bein steht vorne. Thibault sagt hier, dass besagte Klingenlänge auch sehr angenehm und unproblematisch zu ziehen sei, sofern man ein Schwertgehänge nach seinen Anweisungen trage, sodass das Schwert ohne Verrenkungen und ohne Probleme aus der Scheide zu ziehen sei, in dem man beide Hände verwendet. Außerdem sei das Schwert einfach und intuitiv zu ergreifen, und man müsse nicht nach ihm tasten oder suchen.

Académie de l'Espée, Schaubild 1, Figur B

Figur C zeigt eine Person mit weit nach oben ausgestrecktem rechtem Arm und einem ähnlich weit gestreckten rechten Bein. Die Person ruht auf dem linken Bein und die linke Hand befindet sich noch immer am Mund der Scheide, während die rechte das Schwert hält, dessen Spitze soeben aus der Scheide zu gleiten scheint. Thibault erklärt das Bild so, dass man hier die Folgeaktion zu Figur B sehen könne, in der es darum ginge den Akt des Schwertziehens, der in B vorbereitet wurde, nun zu vollenden. Er sagt dazu, dass man sehen könne, dass die Klinge nicht länger sein dürfe als zuvor definiert, da sie sonst nicht aus der Scheide zu ziehen sei.

Académie de l'Espée, Schaubild 1, Figur C


Figur D zeigt eine Person, die aufrecht steht und mit der Linken ein Schwert hält, das mit der Spitze auf dem Boden ruht. Die Kreuzstange befindet sich auf Höhe des Nabels. Gleichzeitig geht eine zweite Klinge vom Gefäß aus nach oben und wird dort von den Fingern des ausgestreckten rechten Arms gehalten. Thibault erklärt, dass die Klingenlänge sowohl der Distanz von den Sohlen bis zum Nabel, als auch der vom Nabel bis zu den Fingerspitzen des ausgestreckten Arms und damit genau der Hälfte der Länge der ausgestreckten Person und damit der Hälfte des Kreisdurchmessers entspreche.

Académie de l'Espée, Schaubild 1, Figur D


Figur E zeigt zwei Personen. Eine, die ihren Arm, mit dem Schwert in der Hand, auf Schulterhöhe gerade ausgestreckt hält und aufrecht steht. Die zweite Person hält eine Stange, die auf dem Boden zwischen den Füßen der anderen Person aufsteht. Thibaults Erklärung zu dieser Figur lautet, dass die Länge von Schwert und Arm zusammengenommen genau der Größe der Person vom Boden bis zum Scheitel entspreche. Dies könne man anhand einer Stange messen und beweisen.

Académie de l'Espée, Schaubild 1, Figur E


Figur F zeigt eine Person, die das Schwert wie zuvor gerade ausgestreckt hält. Außerdem sind schematisch andere Positionen des Schwertes (mit der Spitze nach unten bzw. nach oben) dargestellt. Thibault geht ausführlich auf diese Darstellung ein. Für das Thema dieses Artikels ist diese Figur aber unerheblich, da sie sich lediglich mit der Reichweite der Waffe und der Position der geraden Linie auseinandersetzt, welche in diesem Falle aber keine Hinweise auf die tatsächlich optimale Länge der Waffe birgt.

Académie de l'Espée, Schaubild 1, Figur F


Figur G zeigt zwei Personen. Die linke steht aufrecht und hält das Schwert gesenkt. Die rechte Person setzt der linken ihren Fuß auf den Bauch, streckt die linke Hand in Richtung des Gesichts aus und hält das Schwert mit dem Gefäß an der rechten Hüfte, die Spitze aufrecht und auf Höhe der Brust der linken Person. Thibault führt hierzu aus, dass es vorkommen könne, dass man auch in beengten Situationen das Schwert bzw. dessen Spitze verwenden können muss, und dass ein Schwert der Länge, die er vorschlägt, auch in einem solchen Falle bequem verwendbar sei.

Académie de l'Espée, Schaubild 1, Figur G


Figur H zeigt wieder zwei Personen in einer ähnlichen Lage wie in Figur G. Allerdings drückt hier die linke Person der rechten ihre linke Hand am ausgestreckten Arm auf die Brust, lehnt sich etwas vor und hält das Schwert erneut mit dem Gefäß an der rechten Hüfte und mit der Spitze auf die Brust der anderen Person. Thibaults Erklärung fällt kurz aus und besagt lediglich, dass das Schwert auch für diese Situation genau die richtige Länge habe.

Académie de l'Espée, Schaubild 1, Figur H


Figur I zeigt eine Person, die einen langen Schritt mit dem rechten Bein Macht. Das Knie ist gebeugt, der Oberkörper leicht vorgelehnt. Das linke Bein ist gestreckt, die Ferse erhoben, der Fuß ruht nur auf dem Ballen. Unter der Figur ist der mysteriöse Kreis zu sehen. Thibault schreibt hierzu, dass zu sehen sei, dass die Länge der Klinge exakt der eines “Doppelschrittes” entspreche und damit der Hälfte des Kreisdurchmessers. Denn kein Mann könne eine größere Distanz mit einem einzigen Schritt überwinden, als bis zum Zentrum des Kreises. Es sei denn er hebe auch die Ferse des anderen Fußes, was auf dem Bild zu sehen ist. Dies seien dann aber zwei Schritte und nicht nur einer. Hierzu muss man wissen, dass der Kreis einen Durchmesser von vier normalen Gehschritten hat und ein Doppelschritt zweien dieser Gehschritte entspricht. Ein Doppelschritt kommt am ehesten einem Ausfallschritt gleich, wie wir ihn im modernen Sportfechten oder in zeitgenössischen italienischen Quellen finden.

Académie de l'Espée, Schaubild 1, Figur I


Figur K zeigt eine Person, die aufrecht im Zentrum des mysteriösen Kreises steht. Am nach unten ausgestreckten rechten Arm hält sie das Schwert und zwar so, dass die Spitze den Boden genau am Umfang des Kreises berührt. Thibaults Erläuterung lautet, dass man den Kreisumfang auf diese Art ziehen könnte, wenn man sich nun um die eigene Achse drehen würde. Allerdings relativiert er diese Aussage direkt im Anschluss und verweist auf die zuvor behandelte Variante den Kreis zu zeichnen, weil man sich kaum so exakt um die eigene Achse drehen könne, wie notwendig wäre, um exakt genug zu arbeiten. Vielmehr solle man das Schwert mit der Kreuzstange im Zentrum als Zirkel verwenden.

Académie de l'Espée, Schaubild 1, Figur K



Zusammenfassend für die Klinge:

Klingenlänge = 12 Nummern = halber Kreisdurchmesser = Länge von Fußsohlen bis Nabel = Länge von Nabel bis Fingerspitzen des nach oben ausgestreckten Arms = halbe Länge der ausgestreckten Person = ein Doppelschritt = zwei Gehschritte




 

Das Gefäß


Im zweiten Kapitel, das sich der Erläuterung des zweiten Schaubildes widmet finden sich nun sämtliche notwendigen Angaben, um auch das Gehilz des Schwertes genau herausarbeiten zu können.


“Or donc voicy que nous vous repreſentons la forme entiere de la Garde, & de la Poignee, enſemble avec le Pommeau, au dedans de ces deux Quadrangles oppoſites ſur la longueur de l’Eſquirre: laquelle piece on voit eſtre diviſée en trois parties. car premierement elle y eſt my-partie en deux moitiez egales à travers le centre du Quadrangle; & puis l’une deſdites moitiez derechef en deux egales moindres parties par la ligne Collaterale. Suivant laquelle preſuppoſition je dis, que la Garde doit avoir en longueur autant qu’il y a depuis l’entrecoupure de la Collateralle juſqu’au Centre: & la Poignee enſemble avec le Pommeau, autant qu’il y a depuis le Centre juſqu’au coſté du Quadrangle, qui eſt deux fois autant, vous avertiſſant par meſme voye, que le pommeau doit eſtre de forme un peu plus longue, que ovale.”

Transkription: Bruce G. Hearns


“Nun also veranschaulichen wir euch hier die gesamte Form des Gefäßes, & der Hilze, zusammen mit dem Knauf, innerhalb dieser zwei gegenüberliegenden Vierecke auf der Länge der Skizze: Die Stücke, die man auf drei Partien aufgeteilt sieht. Zuerst ist sie da in zwei gleiche Hälften über das Zentrum des Vierecks zweigeteilt; & dann eine der besagten Hälften abermals in zwei gleiche kleinere Partien auf der Kollaterallinie. Diesen vorhergehenden Annahmen folgend sage ich, dass das Gefäß so viel an Länge haben muss, wie es von der Durchtrennung der Kollaterale [Anm.: Nebenlinie] bis zum Zentrum ist: & die Hilze zusammen mit dem Knauf, so viel wie es vom Zentrum bis zur Seite des Vierecks ist, was zwei mal so viel ist [Anm.: Implizit: "so viel wie die Länge des Gefäßes"], auf gleichem Wege unterrichte ich euch darüber, dass der Knauf von einer ein wenig längeren Form sein muss, wie oval."

Académie de l'Espée, Kapitel 2

Übersetzung: Nico Banasch



Académie de l'Espée, Schaubild 2, Detail

Der besagte Ausschnitt des Schaubildes 2, die rechteckigen Verlängerungen an den Enden des horizontalen Durchmessers des Kreises, zeigt tatsächlich zwei schematische Darstellungen des Gefäßes. Man sieht ein Gefäß vom Typ 43 nach A. V. B. Norman. Es verfügt über eine gerade Kreuzstange von der aus ein größerer Parierring seitlich ausgeht. In Richtung der Klinge entspringen zwei Fingerringe, die einen weiteren, kleineren Parierring tragen. Ein Faustbügel fehlt. Laut Norman ist diese Gefäßform ab 1550 bis ca. 1630 nachweisbar. Außerdem sieht man eine gerade Hilze und einen ovalen Knauf der am ehesten Normans Typen 29, 31, 34 oder 35 entspricht. Diese Knauftypen sind von etwa 1550 bis ca. 1640 nachweisbar. Weitere Hinweise zur genaueren Klassifizierung des von Thibault verwendeten Gefäßes finden sich in Schaubild 1. Ganz unten sind dort zwei Hände abgebildet, die jeweils ein Schwert halten. Auf dem rechten Bild sieht man die Innenseite der Hand und somit auch den Knauf, der erneut den oben genannten Typen zugeschrieben werden kann. Auch eine Zugehörigkeit zu Typ 36 ist nicht auszuschließen. Außerdem können hier die quartseitigen Parierbügel genauer definiert werden. Es handelt sich um eine Bügelkonstruktion des Typs 18 nach A. V. B. Norman. Zwei von der Kreuzstange ausgehende Bügel treffen sich mittig über dem Ricasso, kreuzen sich und Enden an den Enden der Fingerringe.


Académie de l'Espée, Schaubild 1, Detail

Académie de l'Espée, Schaubild 1, Detail

In der Darstellung der Gefäße ist Académie de l’Espée weitgehend konsistent. Meist werden genau diese eben beschrieben Gefäße gezeigt. An einer Stelle jedoch gibt es minimale, aber dennoch sehr interessante Abweichungen. In Schaubild 27 finden sich teilweise Schwerter bei denen die vordere Sektion, die die beiden sich kreuzenden quartseitigen Bügel bilden, mit einem perforierten Blech gefüllt zu sein scheint. Einmal ist zusätzlich der vordere, kleinere Parierring mit einem solchen Blech gefüllt. Damit entspricht die quartseitige Bügelkonstruktion dieser Gefäße nicht mehr dem Typ 18 sondern dem Typ 25.


Académie de l'Espée, Schaubild 27, Detail

Die Gesamtlänge des Gefäßes, vom Nietknöpfchen des Knaufes bis zum vorderen Parierring soll Dreiviertel der Länge einer der Seiten der kleinen Vierecke zwischen dem Kreisumfang und den Spitzen des äußeren Quadrates entsprechen. Oder aber, anders formuliert, der Distanz vom Ende einer der langen Seiten der Rechtecke, die entlang des Quadrates verlaufen, bis zum Schnittpunkt der Kollateralen mit dieser langen Seite. Ein Drittel davon entfällt auf die Länge bzw. die Höhe des Gefäßes von der Kreuzstange bis zum vorderen Parierring. Dies entspricht zugleich der Länge des Ricassos der Klinge. Die anderen zwei Drittel werden von der Hilze und dem Knauf eingenommen. Dieses Maß entspricht laut Thibault exakt der Länge einer Hand. Etwas weniger als die Hälfte davon entfällt auf den Knauf, sodass etwa eine handbreit Platz für die Hilze bleibt, was exakt dem Maß entspricht, was benötigt wird, um die Hilze bequem nach Thibaults Art greifen zu können. Die Kreuzstange ist so lang wie die Fußlinie und damit so lang wie die Fußsohle des Fechters bzw. der Fechterin.




 



Beispiel zur Berechnung der Maße meines persönlichen Fechtschwertes:


Berechnung der Länge einer ThU in cm:

Körpergröße in cm / 19,69 ThU = X cm/ThU


189 cm / 19,69 ThU = 9,5987811071609 cm/ThU ~ 9,599 cm/ThU


Klingenlänge = 12 ThU = halber Durchmesser des Kreises

9,599 cm/ThU x 12 ThU = 115,188 cm


Länge Hilze + Knauf = 1,757 ThU

9,599 cm/ThU x 1,757 ThU = 16,865443 cm ~ 16,865 cm


Höhe Gefäß/Länge Ricasso = Länge Hilze + Knauf / 2

16,865443 cm / 2 = 8,4327215 cm ~ 8,433 cm


Länge Kreuzstange = 2,485 ThU

9,599 cm/ThU x 2,485 ThU = 23,853515 cm ~ 23,854 cm


Gesamtlänge = Klingenlänge + Länge Knauf u. Hilze

115,188 cm + 16,865 cm = 132,053 cm




Die verwendeten Formeln sind dem Artikel “Thibault and Science I. Measure, Distances and Proportions in the Circle” von János Majár und Zoltán Várhelyi entlehnt, der die genauen ThU Werte exakt anhand moderner Mathematik berechnet. Würde ich Thibaults eigenen Angaben folgen so müsste ich anstatt mit 19,69 ThU mit 19 ThU rechnen. Das Schwert würde entsprechend ein wenig länger werden. Dies wäre aber im Bezug auf den Kreis tatsächlich ein klein bisschen weniger akkurat.




 


Wo bekomme ich nun heutzutage ein solches Schwert her? Generell bieten die meisten Hersteller auch Maßanfertigungen an. Die Kosten fallen dann aber in der Regel etwas höher aus als bei Fechtschwertern "von der Stange". Leider gibt es derzeit keine große Auswahl von Anbietern, die dezidierte "Thibault-Rapiere" im Standard-Katalog führen. Genannt seien hier Bellatore und Regenyei Armoury. Ich persönlich habe aber mit beiden Modellen keine Erfahrung. Wer damit leben kann wenn der Gefäßtyp nicht exakt dem in der Quelle dargestellten entspricht kann durchaus auch bei anderen gängigen Herstellern fündig werden. Für den unkomplizierten Einstieg in die Materie würde ich zu einem Glockenrapier mit leichten Modifikationen raten. Das Wichtigste ist, dass das Schwert keinen Faustbügel haben darf. Denn entweder muss man das Handgelenk abwinkeln, sodass man nicht in den richtigen Griff kommt, weil der Faustbügel im Weg ist, oder aber man kann die Hiebe nicht richtig ausführen, weil der Faustbügel dann auf der anderen Seite hinderlich ist. Ebenfalls wichtig ist, dass der Durchmesser des Knaufes nicht zu groß ist, weil auch dann nicht die richtige Handhaltung eingenommen werden kann. Außerdem muss die Kreuzstange gerade sein. Bestimmte Aktionen sind ansonsten nicht ausführbar. Mit einem normalen Glockenrapier von Destrezanía, dessen Klingenlänge angepasst und der Faustbügel abgetrennt wurde fährt man für den Anfang und vor allem auch für das freie Fechten und Sparring ersteinmal wirklich gut. Möchte man sich später noch tiefer in die Materie einarbeiten empfielt sich tatsächlich eine entsprechende Maßanfertigung. Ich persönlich arbeite gerade an meinem eigenen Schwert. Zu gegebener Zeit werde ich diesen Artikel um Fotos und Maßangaben meines Schwertes ergänzen.



 

Literatur:

Académie de l'Espée, Gérard Thibault d'Anvers

The Rapier and Smallsword, 1460-1820, A.V.B. Norman

Thibault and Science I. Measure, Distances and Proportions in the Circle, János Majár und Zoltán Várhelyi


https://blog.subcaelo.net/ensis/plates-in-thibaults-h


https://wiktenauer.com/wiki/G%C3%A9rard_Thibault_d%27Anvers/Plates_1-11


https://wiktenauer.com/wiki/G%C3%A9rard_Thibault_d%27Anvers#Book_1_-_Tableau_.2F_Plates_I_-_XI


Bildquelle:

https://geheugen.delpher.nl/nl/geheugen/results?query=Girard+Thibault