Der Fechtstil

Anmerkung: Große Teile dieses Artikels beziehen sich explizit auf Puck Curtis’ und Mary Dill-Curtis’ Buch “From Page to Practice”, das 2009 bei Freelance Academy Press erschienen ist und dort nach wie vor erworben werden kann. Dies empfehlen wir hiermit ausdrücklich. Alle Zitate wurden nach bestem Wissen ins Deutsche übertragen.

Der Stand und der Rechte Winkel

 

„Dies ist die Art des spanischen Kampfes: Sie stehen so erhaben wie sie können, mit ihren Körpern gerade aufrecht, mit engem Stand, mit ihren Füßen konstant in Bewegung, als ob sie sich in einem Tanz befänden, ihre Arme und Rapiere sehr gerade nach vorne gegen des Gegners Gesicht oder Körper gerichtet haltend & dies ist die einzige Art und Weise, diese Art des Kampfes zu führen.“

George Silver, Paradoxes of Defense, 1599, S. 512

 

Das vielleicht augenscheinlichste Merkmal von La Verdadera Destreza (im Folgenden LVD) ist die charakteristisch aufrechte Grundhaltung mit engem Stand und gerade ausgestrecktem Arm.

 

 „Das Erste, womit man sich beschäftigen sollte, ist die Art und Weise, wie man unter Anwendung der geometrischen Maße, die Winkel bildet; und damit beginnend sage ich: Dass der Fechter den Rechten Winkel bildet, wenn er mit dem Körper gerade und aufrecht steht; wie er natürlicherweise über seinen beiden Füße steht, wobei er einen halben Fuß Abstand zwischen der einen und der anderen Ferse lässt; und dann den Arm mit dem Schwert gerade ausstreckt, wie er dem Körper entspringt [...]“

Ettenhard, Compendio de los fundamentos de la verdadera destreza y filosofia de las armas, 1675, S. 13

 

 

Folgen wir Ettenhards Anweisungen und vertiefen diese an einigen Stellen.

 

Der Fechter/die Fechterin steht gerade und aufrecht, die Füße sind etwa einen halben Fuß weit auseinander und stehen im 45°- 90°-Winkel zueinander. Das Gewicht ist gleichmäßig auf beide Füße verteilt. Die Ferse des hinteren Fußes sollte sich auf einer Linie mit der Ferse des vorderen Fußes befinden. Die Zehenspitzen des vorderen Fußes und das vordere Knie zeigen in der Regel in einer Linie auf den Gegner/die Gegnerin. Die Knie sind gerade oder leicht gebeugt, aber auf keinen Fall “eingerastet”. Die Hüfte und die Schultern befinden sich in einer Ebene und stehen soweit wie möglich im Profil oder im Halbprofil zum Gegner/zur Gegnerin. Die Schultern sind nach hinten und unten gezogen und entspannt, sodass sich die Brust öffnet und sowohl die Brust- als auch die Rückenmuskulatur gut arbeiten können und eine optimale Atmung gewährleistet werden kann. Der hintere Arm hängt locker, aber nicht ohne eine gewisse Grundspannung, die durch das entspannte Strecken des Zeigefingers erreicht werden kann, am Körper herab. Der Waffen führende Arm ist auf Schulterhöhe gerade ausgestreckt und entspannt. Der Ellenbogen ist gerade, oder minimal gebeugt, sodass das Gelenk nicht “eingerastet” ist und mobil bleibt. Das Handgelenk ist gerade, die Finger sind nur so gespannt wie nötig, um das Schwert festzuhalten. Der Knauf liegt unter dem Daumenballen und ggf. am Handgelenk an.

Angulo Recto nach Pacheco

Luis Pacheco de Narváez, Libro de las Grandezas de la Espada, 1600, fol. 39r

Der Zeigefinger und ggf. der Mittelfinger liegen über der Kreuzstange auf dem Ricasso. Die Fingernägel zeigen nach innen, die lange Schneide weist somit nach unten. Zwischen der Spitze des Schwertes und der vorderen Schulter (je nach Quelle auch die hintere Schulter) bilden das Schwert und der Arm eine gerade, ununterbrochene Linie, die parallel zur vorderen Fußspitze und dem Boden auf den Gegner/die Gegnerin zeigt. Der Hals und Nacken sind gerade, der Kopf zum Gegner/zur Gegnerin gewand, der Blick fixiert das Gegenüber, das Kinn befindet sich in einer neutralen Position oder ist leicht angehoben, nicht aber in Richtung der Brust gezogen, die Kiefer sind entspannt.

 

Der Schwertarm und der restliche Körper des Diestros/der Diestra bilden einen 90°-Winkel. Der Rechte Winkel, oder Ángulo Recto. Bei einer aufrechten Körperhaltung erreicht man auf diese Weise seine maximale Reichweite im Verhältnis zum Gegner/zur Gegnerin. Da der Arm und das Schwert zusammen den Radius eines imaginären Kreises bilden, der seinen Mittelpunkt an der Schulter des Schwertarms hat, verringert sich die eigene Reichweite im Verhältnis zum Gegner/zur Gegnerin sowohl wenn der Arm in einen stumpfen Winkel zum Körper gehoben, als auch in einen spitzen Winkel zum Körper hin gesenkt wird. Um dieses Prinzip ein wenig zu verdeutlichen stelle man sich zwei gegenüber positionierte vertikale Linien (die beiden Körper der Fechtenden) vor, an deren oberen Enden (Schultern) jeweils eine horizontale Linie (Schwert und Schwertarm) so angebracht ist, dass diese die jeweils gegenüberliegende vertikale Linie an deren oberem Ende berühren können. Verändert man nun den Winkel einer dieser horizontalen Linien so, dass diese ca. 45° nach unten, oder oben weist, stellt man fest, dass sie die gegenüberliegende vertikale Linie nicht mehr berührt, sie also entlang einer imaginären Kreisbahn an Reichweite verloren hat.

 

“Steht man aufrecht auf beiden Beinen, weder vor- noch zurückgelehnt, und streckt das Schwert und den Arm in einer geraden Linie, d. h. mit der Spitze und dem Gefäß auf Schulterhöhe, aus, so reicht man weiter nach vorne, als wenn man die Spitze hebt oder senkt. Denn beides kann nicht geschehen ohne dass die Spitze einer Kurve entlang eines Kreisumfangs folgt, was in dieser Abbildung dargestellt ist. Daraus ist ersichtlich dass die Spitze, je höher sie steigt oder sinkt, sich desto weiter vom nächstgelegenen Berührungspunkt entfernt.”

Gerard Thibault, Academie de l’Espée, 1630, Kapitel 1, Figur F

 

Ähnliche, sogar gravierendere Reichweitenverluste ergeben sich wenn man den Arm am Ellenbogen oder gar am Handgelenk abwinkelt. 

 

“Genauer gesagt, teilen wir die Klinge in 12 Teile, wobei die Armlänge etwa 8 Teile beträgt und der Arm bis zum Ellenbogen, der fast in der Mitte des Armes liegt, etwa 4 Teile lang ist. Die Klinge kann also in einem Kreisbogen auf drei Arten gehoben oder gesenkt werden: Durch die Bewegung des gesamten Arms, durch die Bewegung des Ellenbogens oder durch die Bewegung des Handgelenks. Daraus folgt im ersten Fall, wenn man den ganzen Arm bewegt, dass das Zentrum dieses Kreises an der Schulter liegt, und der Radius, der diesen Kreisbogen, auf- oder absteigend, bestimmt, folglich der Linie des Schwertes samt des ganzen Arms, was zusammengenommen etwa 20 Teile sind, entspricht. Im zweiten Fall, wo der Arm am Ellenbogen bewegt wird, ist der Ellenbogen das Zentrum und die Länge des Radius beträgt 12 Teile und 4 Teile, was zusammen 16 Teile ergibt. Im dritten Fall, wenn man nur das Handgelenk bewegt, ist das Zentrum die Faust der Person und nur die Klinge bewegt sich, was einen Radius von 12 Teilen ergibt. Nun weiß jeder, der nur grundlegende mathematische Kenntnisse besitzt, dass der Umfang eines Kreises proportional zu seinem Radius ist: Und diese werden kleiner. Ein Radius von 20 ist größer als einer von 16 Teilen und einer von 16 ist größer als der dritte, welcher 12 Teile misst. Daraus folgt, dass das Heben oder Senken der Spitze nur aus dem Handgelenk unsere Reichweite mit der Spitze stärker verkürzt, als wenn man den Ellenbogen benutzt, und mit einer Bewegung aus dem Ellenbogen verliert man ebenfalls mehr Reichweite als wenn man den ganzen Arm benutzt.”

Gerard Thibault, Academie de l’Espée, 1630, Kapitel 1, Figur F

 

Wie Thibault hier ausführt: Der Mittelpunkt unseres imaginären Kreises wandert weiter in Richtung der Schwertspitze, der Radius wird also kleiner und die Kreisbahn somit steiler. Dadurch bewegt sich die Schwertspitze in Relation zum Körper beim Heben oder Senken, um jeweils die gleiche Strecke weiter vom Gegner/der Gegnerin weg, als wenn man den geraden Arm an der Schulter hebt oder senkt. Beugt man den Arm gleichzeitig an zwei Stellen oder hebt/senkt ihn zusätzlich an der Schulter, verstärkt sich der Reichweitenverlust entsprechend.

Ein Vorteil dieser Haltung ist außerdem die exzellente Deckung wichtiger Trefferzonen am eigenen Körper.

 

“Siehe wie der Kopf, die Schultern und der Rumpf bis zu den Brustwarzen vom Gefäß gedeckt werden. So gut, dass der Feind sie nicht angreifen kann, nicht ohne deine Spitze zu passieren [...]”

Gerard Thibault, Academie de l’Espée, 1630, Kapitel 4

 

Vor allem bei voll ausgebildeten Rapiergefäßen lassen sich der Kopf und die Brust hervorragend hinter der eigenen Waffe verbergen. Dadurch wird der Gegner/die Gegnerin dazu gezwungen sich mit der Waffe des Diestros/der Diestra zu beschäftigen, bevor vitale Ziele angegriffen werden können, worauf Teile des taktischen Fundamentes von LVD beruhen.

 

Der Körper wird gerade und aufrecht gehalten. Dies entspreche der Natur des Menschen und damit der Perfektion der Schöpfung. Allerdings entspricht dies auch der Überzeugung, dass alles Gute und Perfekte in der Mitte zwischen zwei Extremen liegt. Daraus folgt, dass in LVD grundsätzlich vermieden wird extreme Bewegungen zu machen. Ausfallschritte wie im italienischen Fechten scheiden schon allein deshalb aus.

 

Aus rein fechterischer Perspektive ergeben sich hier allerdings noch einige andere Vorteile gegenüber anderen Grundhaltungen, die bestimmte technische und taktische Aspekte von LVD erst sinnvoll anwendbar machen. Durch ein Vorbeugen und Abwinkeln des Körpers, wie es z. B. in Teilen der italienischen Fechtkultur des 17. Jahrhunderts verbreitet war, lässt sich zwar tatsächlich eine größere maximale Reichweite erreichen,

Thibault Reichweite

Gerard Thibault, Academie de l’Espée, 1630, Kapitel 1, Figur F

und die Körperdeckung durch das Gefäß der Waffe optimieren, allerdings verändert sich das biomechanische Potential des Körpers und das seiner Bewegungen, sodass der/die Fechtende insgesamt weniger mobil ist. Bei einer aufrechten Körperhaltung mit einem engen Stand und einer gleichmäßigen Gewichtsverteilung kann der/die Fechtende relativ entspannt, mit minimalem Kraftaufwand und hoher Mobilität agieren. Ein tänzerischer Fechtstil mit fließenden Bewegungen ist die Folge. In einem weniger auf linearer als vielmehr auf kreisförmiger und winkelnder Beinarbeit basierenden Fechtsystem wie LVD ist dies eine vitale Grundvoraussetzung für dessen Effektivität.

Der Kreis und Beinarbeit abseits der Zentrallinie

 

Ein anderes Charakteristikum von LVD ist eben diese winkelnde und kreisförmige und aus meist recht kleinen Schritten bestehende Beinarbeit, bei der weitestgehend vermieden wird sich dem Gegner/der Gegnerin direkt entlang der Zentrallinie zu nähern (obwohl auch dies vorkommt). Stattdessen ist der Diestro/die Diestra immer bestrebt sich dem Gegenüber in einem Winkel von der Seite zu nähern. Die Distanz zum Gegner/zur Gegnerin wird dabei durch Beinarbeit verkürzt, die sich entweder entlang eines imaginären Kreises oder aber entlang eines von zwei, um 45° gedrehten, Quadraten bewegt. Eines dieser Quadrate liegt innerhalb des Kreises, das andere, wie in Gerard Thibaults Academie de l’Espée, liegt außerhalb des Kreises und dessen Seiten tangieren den Kreisumfang. Das innere Quadrat ist fast immer vorhanden, das äußere findet sich nach unserem Kenntnisstand nur bei Gerard Thibault.

 

 

Zur besseren Beschreibung der für eine Fechtaktion benötigten Beinarbeit wird zwischen einer Zahl verschiedener Schritte unterschieden:

 

 

  • Compás Accidental, ein Schritt vorwärts und entlang der Zentrallinie

  • Compás Extrano, ein Schritt rückwärts und entlang der Zentrallinie

  • Compás de Trepidación, ein Seitwärtsschritt nach links/rechts entlang der Línea Infinita

  • Compás Curvo, ein gebogener Schritt nach links/rechts entlang des Kreisumfangs

  • Compás Transversal, ein diagonaler Schritt entlang des Quadrates

  • Compás Mixto, ein sogenannter gemischter Schritt bei dem zwei einfache Schritte bzw. deren Bewegungsrichtungen miteinander kombiniert werden. Z. B. seitlich rückwärts.

 

 

Diese Form der Beinarbeit, die im starken Kontrast zur eher linearen Beinarbeit zeitgenössischer italienischer Fechtsysteme steht, bietet den Vorteil, dass der Fechter/die Fechterin seinen/ihren Körper im Profil zum Gegner halten kann, während, dieser/diese sein/ihr Profil nicht aufrechterhalten kann ohne sich ebenfalls zu bewegen. Außerdem bewegt man sich auf diese Weise vom gegnerischen Schwert weg, und entflieht somit der Bedrohung auf der Zentrallinie, während man selbst eine Bedrohung mit der eigenen Waffe auf einer neuen Linie aufbauen kann. Kontrolliert man nun zusätzlich die Klinge des Gegners (s. u.), während man sich von der Zentrallinie weg und in einem Winkel auf den Gegner/die Gegnerin zu bewegt, kontrolliert man die Zentrallinie im Prinzip, indem man sie verlässt. Gleichzeitig bricht man die Struktur des Gegners/der Gegnerin, wenn dieser/diese der Bewegung nicht folgt oder erzwingt eine entsprechende Folgebewegung die nun wieder auf unterschiedliche Art und Weise ausgenutzt werden kann. Durch den aufrechten und engen Stand und die daraus resultierende gleichmäßige Gewichtsverteilung wird eine flinke, kleinschrittige und recht kraftsparende, beinahe tänzerische Beinarbeit mit schnellen Richtungswechseln und dem Potential sich dem Gegner/der Gegnerin sukzessive und subtil, wenn nötig aber auch schnell und aggressiv nähern zu können möglich. 

 

 

Das Konzept von nicht-zentrallinien-orientierter Beinarbeit und dessen Vor- und Nachteile sind zu Carranzas Zeit nichts hochinnovatives und weithin bekannt. Schon in spätmittelalterlichen Quellen finden sich eindeutige Anweisungen bei bestimmten Techniken die Zentrallinie zu verlassen und auch in den italienischen Quellen der Bologneser Fechttradition nach Dardi findet sich dieses Konzept. Hier auch schon mit kreisförmigen Diagrammen, um die Beinarbeit grafisch zu verdeutlichen. Das wirklich Neue an Carranzas Adaption dieses Konzeptes ist vor allem der Stellenwert, den es innerhalb von LVD einnimmt und die Detailfülle mit der es einerseits schriftlich, andererseits, und vor allem, aber grafisch aufgearbeitet wird. 

 

 

Carranza entwirft die erste Grafik, die man heute als einen “Spanischen Kreis” oder “Den Kreis” bezeichnet. Dabei handelt es sich um ein geometrisches Schema bestehend aus drei Kreisen und einigen Linien anhand dessen sich alle wichtigen Schritte und Distanzen (s. u.) exakt beschreiben lassen.

“Der „Durchmesser“ oder Diametro: Die gedachte Linie, die die beiden Fechter voneinander trennt, wird der „Durchmesser“ genannt. Er repräsentiert den kürzesten Weg zum Ziel. Der „Durchmesser“ (die Punktlinie in Carranzas Bild) beginnt an der vorderen Zehe des Fechters und erstreckt sich bis zur vorderen Zehe des Gegners. Das korrekte Maß des „Durchmessers“ sollte der Distanz entsprechen, aus der der Fechter die

Offensivaktionen des Gegners erkennen und (immer) noch (angemessen) reagieren kann.

 

Der ”Große Kreis“ oder Círculo Mayor: Die zentrale Linie, die zwischen den beiden Fechtern dargestellt ist, wird der „Große Kreis“ oder manchmal auch nur der „Kreis“ genannt. Ein Fechter kann die Distanz (zum Gegner) Stück für Stück, graduell verringern, indem er kreisförmige Schritte entlang des Kreisumfangs macht.

 

Die „Linien der Unendlichkeit“ oder Línea Infinita: Die beiden parallelen Linien, die orthogonal zum „Durchmesser“ dargestellt sind, werden „Linien der Unendlichkeit“ genannt. Auf die gleiche Art wie beim „Durchmesser“ ist die Distanz zwischen diesen Linien durch die Fähigkeit (des Fechters), die Offensivaktionen des Gegners wahrzunehmen und auf diese reagieren zu können, definiert. „Die „Linie der Unendlichkeit“ zu überschreiten“ heißt die Distanz in die Offensivdistanz des Gegners zu verkürzen.

 

Der „Kleine Kreis“ oder Círculo Menor: Die kleineren Kreise auf beiden Seiten des „Großen Kreises“ werden die „Kleinen Kreise“ genannt. Der Fechter und sein Gegner stehen jeweils in der Mitte eines der „Kleineren Kreise“, welche durch die Positionen der Füße definiert sind.”

Puck Curtis und Mary Dill-Curtis, From Page to Practice, 2009, S. 16

Carranza Kreis

Jerónimo Sánchez de Carranza,  Filosofia de las Armas, 1582, f. 183r

Die beiden schrägen Linien innerhalb des Círculo Mayor sind das, was sich in den folgenden Jahrzehnten zum innenliegenden Quadrat entwickeln wird, wie es im Jahre 1600 in Pachecos de Narváez Kreis zu sehen ist.

Zusätzlich verändert Pacheco den Kreis insofern, als dass die Círculo Menor weggelassen und die Línea Infinita auf je eine Linie reduziert werden. Auf diese Weise verändert sich der “Spanische Kreis” im Laufe der Jahrhunderte zwar und wird in unterschiedlichen Formen und in unterschiedlicher Detailfülle von den unterschiedlichen Meistern wiedergegeben, behält seine essentiellen Bestandteile aber doch immer bei und wird so zu einem wichtigen und charakteristischen Merkmal eines Destreza-Textes.

Luis Pacheco de Narváez, Libro de las Grandezas de la Espada, 1600, f. 36r

Zeit und Distanz und deren Notation durch Bewegungen

 

“In der italienischen Fechttradition wird der Kampf in Zeiteinheiten, die Tempi (deutsch: Fechtzeiten) genannt werden, aufgebrochen. Dies ist ein nützliches Werkzeug, um einen Schüler „Timing“ zu lehren. Eine Aktion mit weniger Tempi wird generell als erstrebenswert angesehen. Die spanische Fechtwissenschaft geht mit dem Konzept der Tempi noch weiter, indem sie ein vektorbasiertes System verwendet, um Aktionen durch Bewegungen zu beschreiben. In der aristotelischen Physik heißt es, dass Zeit das Maß für Bewegung ist, und so können wir Tempi als die Summe verschiedener, einfacher Bewegungen betrachten. In der spanischen Fechtwissenschaft werden alle Aktionen als Kombinationen aus Bewegungen beschrieben. Es gibt Bewegungen der Klinge, und die Beinarbeit, um den Körper zu bewegen. Indem wir diese beiden zusammen verwenden, können wir nicht nur Fechtzeit (besser) verstehen, sondern auch eine Kurzschrift-Notation zur Beschreibung von komplexen Aktionen und ihrer Konter erstellen.”

Puck Curtis und Mary Dill-Curtis, From Page to Practice, 2009, S. 17

 

Aristoteles definiert Zeit als „die Zahl der Bewegung hinsichtlich des ‚davor‘ und ‚danach‘“ (Aristoteles, Physik, IV, 10-14). Das heißt für unsere Zwecke vereinfacht: Zeit lässt sich durch Bewegung, bzw. die Anzahl von Bewegungen innerhalb einer Aktion messen und beschreiben. Davon abgeleitet, ist eine Aktion die weniger Bewegungen braucht kürzer bzw. schneller als eine, die aus mehr Bewegungen besteht und deshalb erstrebenswerter. Um nun eine Fechtaktion, ein sogenanntes Fechtstück bzw. eine Technik in ihre einzelnen Bewegungsbestandteile dekonstruieren und so analysieren und erklären zu können haben Carranza und spätere Meister ein detailliertes System zur Benennung von Bewegungen und zur Beschreibung von Fechtaktionen entwickelt. Im Bezug auf die Bewegungen der Klinge wird zwischen

 

  • Movimiento Natural, der natürlichen Bewegung (von oben nach unten),

  • Movimiento Violento, der gewalttätigen oder unnatürlichen Bewegung (von unten nach oben),

  • Movimiento Accidental, der Vorwärtsbewegung,

  • Movimiento Extrano, der Rückwärtsbewegung,

  • Movimiento Remiso, der seitlich von der Zentrallinie wegführenden Bewegung,

  • Movimiento de Reducción, der seitlich zur Zentrallinie zurück führenden Bewegung und

  • Movimiento Mixto, der gemischten Bewegung (zwei einfache Bewegungen gemischt, die z. B. eine diagonale Bewegung ergeben)

 

unterschieden. 

 

In Verbindung mit der weiter oben beschriebenen Beinarbeit lässt sich so jede Fechtaktion in ihre Bestandteile zerlegen und im Hinblick auf die dafür benötigte Zeit hin beurteilen. Zusätzlich ermöglicht dies Aussagen über die Zeit, die, die eigene Fechtaktion gegenüber der, des Gegners/der Gegnerin benötigt. Da das Timing von bestimmten Fechtaktionen aber nicht nur davon abhängig ist, wie lange der Gegner/die Gegnerin im Verhältnis zu einem selbst braucht, um seine/ihre Aktion auszuführen, sondern auch davon wie weit er/sie zu diesem Zeitpunkt entfernt ist, ist eine detaillierte Betrachtung der in der spanischen Fechttradition verwendeten Distanzen und deren Beschreibung und Benennung notwendig. 

 

“Die Spanier brechen Distanz in zwei eigenständige Kategorien herunter, in dem sie die beiden Konzepte der „Defensiven-“ und der „Offensiven Distanz“ verwenden. Die Mensur, die für den spanischen Fechter von primärer Bedeutung ist, ist die „Defensive Distanz“, weil diese den „Druchmesser“ des Kreises definiert und weil die spanische Tradition die Verteidigung über den Angriff stellt.”

Puck Curtis und Mary Dill-Curtis, From Page to Practice, 2009, S. 37

 

Diese beiden Kategorien werden Medio genannt. Medio heißt soviel wie “Mittel” und entspricht in diesem Kontext dem, was in zeitgenössischen, italienischen Quellen Misura oder noch im heutigen Sportfechten Mensur genannt wird. Wie die meisten Quellen des 16. und 17. Jahrhunderts teilen auch die Spanier die Distanz zwischen den Fechtenden in den meisten Quellen in zwei Medios ein. Einige wenige Autoren, darunter Thibault und Rada, fügen hier allerdings jeweils noch eine dritte Distanz hinzu, die zwischen den anderen beiden liegt.

 

Die Medio de Proporción ist die Distanz, die im Zitat oben als die “Defensive Distanz” bezeichnet wird. Diese Distanz entspricht der Entfernung zum Gegner/zur Gegnerin, aus der man dessen/deren Angriff noch wahrnehmen und sich dagegen zur Wehr setzen kann. Diese Mensur wird von den unterschiedlichen Meistern auf unterschiedliche Weise definiert und beschrieben. Oft, wie z. B. bei Pacheco, geschieht dies anhand der Positionen der Waffen zueinander. Vorausgesetzt beide Fechter/Fechterinnen haben gleich lange Schwerter und gleich proportionierte Körper so befinden sich beide in der Medio de Proporción, wenn sie, wie oben beschrieben, im Angulo Recto, der spanischen Grundposition, stehen, und ihre Spitzen sich auf Höhe der Kreuzstange des Schwertes des Gegenübers befinden. Gleichzeitig befinden sich nun beide Fechter/Fechterinnen an den gegenüberliegenden Enden des Durchmessers des Círculo Mayor, bzw. des großen Kreises. Wichtig ist hier aber, dass die Medio de Proporción die Größe des Círculo Mayor bestimmt und nicht andersherum! Bei ungleich proportionierten Gegnern/Gegnerinnen muss die Medio de Proporción entsprechend angepasst werden. Ettenhard schreibt zur Medio de Proporción:

 

“Die Medio de Proporción zu wählen bedeutet, eine verhältnismäßige und bequeme Entfernung zu bestimmen, aus der, der Schwertkämpfer die Bewegungen seines Gegners erkennen kann, denn wenn der Gegner beschließt zu handeln, muss er seinen Körper, seinen Arm und sein Schwert bewegen.“

Ettenhard, Compendio de los fundamentos de la verdadera destreza y filosofia de las armas, 1675, S. 70

 

Die Medio Proporcionado ist das, was Puck Curtis als die “Offensive Distanz” bezeichnet. Es geht hier um die Entfernung zum Gegner/zur Gegnerin aus der ein spezifischer Angriff ausführbar ist. Da die unterschiedlichen Offensivaktionen (s. u.) unterschiedlich große Reichweiten haben unterscheidet sich die Medio Proporcionado entsprechend je nachdem ob man einen Stoß, einen Hieb oder eine Konklusion ausführen möchte. Demnach ist diese Medio im Gegensatz zur vorherigen nicht klar als ein Punkt auf oder in dem Kreis zu verorten. 

 

Bei dem, was Lorenz de Rada als Medio Proporcional bezeichnet und was wir in Thibault als La Seconde Instance finden, handelt es sich wie schon erwähnt um eine dritte Distanz, die zwischen den beiden anderen Medios liegt.


Je nachdem in welcher Medio man sich im Verhältnis zum Gegenüber befindet lassen sich nun bestimmte Aktionen fechten, während andere aufgrund dessen ausscheiden. Entsprechend der Medio sind andersherum einige Angriffe von Seiten des Gegners/der Gegnerin wahrscheinlicher als andere. Unter Inbezugnahme auf das eigene Wissen, um die Konzepte von Zeit und Bewegung und deren Zusammenhang in Verbindung mit einem guten Gefühl für die Distanz zum Gegner lassen sich mit diesem System hochkomplexe Fechtaktionen einerseits aufbauen und verketten und andererseits auf theoretischer Ebene analysieren und beschreiben.

Spanische Klingenarbeit

 

Im spanischen Fechten wird zwischen fünf verschiedenen Offensivaktionen mit der Klinge unterschieden, die das Potential haben, den Gegner/die Gegnerin zu verwunden. Dies sind die sogenannten Tretas:

 

  • Estocada, der Stoß

  • Tajo, ein voller Hieb von der dominanten Seite (bei Rechtshändern von rechts, bei Linkshändern von links)

  • Revés, ein voller Hieb von der nicht-dominanten Seite

  • Medio Tajo, ein halber Hieb von der dominanten Seite

  • Medio Revés, ein halber Hieb von der nicht-dominanten Seite

 

Von diesen Techniken wird der Stoß, gegenüber den Hieben - die ausschließlich von oben oder horizontal geführt werden - bevorzugt, weil er einerseits die größere Reichweite hat und andererseits die wenigsten Bewegungen und damit die wenigste Zeit erfordert. Zusätzlich verfügt er über das größte defensive Potential, weil man das Schwert zum Stoßen nicht von der Zentrallinie wegführen muss, und dem Gegenüber somit weniger Blößen bietet. Dennoch finden die Hiebe in LVD noch viel Verwendung und die Bevorzugung des Stoßes fällt nicht gar so gravierend aus wie in den zeitgenössischen Quellen vieler italienischer Autoren. Hiebe werden vor allem dann geführt, wenn die eigene Waffe durch den Gegner/die Gegnerin aus der Linie verdrängt wurde oder man sie selbst von dieser entfernt hat, um sich zu verteidigen. 

 

Ein weiteres wichtiges Charakteristikum von LVD, das die spanische Fechttradition deutlich von der zeitgenössischen Italienischen unterscheidet, ist der Fokus auf bindungsorientierter Klingenarbeit. Während die italienische Tradition favorisiert die gegnerische Klinge so wenig zu berühren wie möglich, ist der Diestro in der Regel immer bemüht die Klinge des Gegners/der Gegnerin mit seiner eigenen zu binden, bzw. fortwährend Klingenkontakt zu halten. Dies hat den Hintergrund, dass man davon ausgeht mehr Kontrolle über die gegnerische Waffe zu haben und deutlicher fühlen zu können, was das Gegenüber als nächstes tun wird, wenn Klingenkontakt besteht. Um dieses Phänomen exakt beschreibbar zu machen, hat sich eine weitere Besonderheit herausgebildet. Wird die Klinge des Schwertes in den meisten anderen historischen Fechtsystemen in zwei, drei oder vier Teile geteilt, teilen die Spanier sie in 10 oder gar 12 Teile auf.

Thibault 12-Teilung des Schwertes

Teilung des Schwertes nach Gerard Thibault, Academie de l’Epée, 1630, Kapitel 1

Dies ermöglicht eine hochgradig genaue Beschreibung der Hebelkräfte und deren Verhältnis zueinander, wenn zwei Klingen aneinander binden. Auf Grundlage dieses bindungslastigen Fechtstils hat sich ein weiteres wichtiges technisch-taktisches Merkmal von LVD entwickelt, das vor allem dazu dient sich sicher und unter Kontrolle über die gegnerische Waffe aus der Medio de Proporción in eine der verschiedenen Medios Proporcionados zu begeben, der Atajo.

 

Beim Atajo handelt es sich um eine bestimmte Form der Überbindung, bei der das eigene Schwert von oben, mit der langen Schneide und einem gleichen oder höheren Stärkegrad an und über das gegnerische Schwert gelegt wird. Diese Klingenaktion wird häufig von einem Compás Curvo oder einem Compás Transversal in Richtung der gegnerischen Klinge begleitet, was dazu führt, dass diese zur Seite verdrängt wird und man sich dem Gegenüber ein wenig nähert. Die Funktion des Atajo entspricht der, der italienischen Contrapostura und dem Stringere, also dem Schließen der direkten Angriffslinie und dem “Finden des Schwertes”. Man verhindert also, dass der Gegner/die Gegnerin einen auf dem direktesten Weg attackieren kann während man sich selbst eine direkte Angriffslinie zum Gegenüber erschließt, was diesen/diese dazu zwingt mehr Bewegungen machen zu müssen,um anzugreifen, als man selbst benötigt, was einem, wie oben beschrieben, einen Zeitvorteil schenkt. Durch diese Eigenschaften ist der Atajo, in Destreza-Quellen, die gebräuchlichste Aktion, um in das Gefecht einzutreten. 

Allerdings hat der Atajo neben dieser eher proaktiven, offensiven Funktion auch defensivere Anwendungsbereiche. Er kann z. B. als eine sehr sinnvolle Form der Parade gegenüber einem gegnerischen Angriff verwendet werden. Sowohl Stöße als auch Hiebe lassen sich hervorragend mit einem defensiven Atajo aus ihrer Bahn bringen und führen dazu, dass man eine vorteilhafte Klingenbindung erhält, aus der sich schnell kontern lässt. Der Atajo dient außerdem häufig als Grundlage zur Ausführung weiterer Techniken wie z. B. der, der Generales. 

Eine Sonderform des Atajo beschreibt Lorenz de Rada mit seinen vier Atajos von unten. Hierbei wird das eigene Schwert unterhalb des gegnerischen so positioniert, dass das Gegenüber keine direkte Angriffslinie hat und zu weiteren Bewegungen gezwungen wird. Allerdings geht diesen Atajos von unten immer ein Atajo von oben voraus. Die unteren Atajos werden nur dann gebraucht, wenn der Atajo von oben durch den Gegner/die Gegnerin gekontert wurde. Ein ähnliches Konzept findet sich bei Thibault. 

 

Durch die bindungslastige Klingenarbeit waren die Diestros gezwungen spezielle Lösungen für Situationen zu entwickeln, bei denen in anderen Fechttraditionen die Bindung verlassen wird. Dies führte zu einem optisch sehr eleganten Fechtstil, der durch spiralartige Aktionen mit der Klinge dominiert wird. Dabei wird versucht die Bindung mit der Stärke der Klinge aufrechtzuerhalten, während die Spitze kreisförmig um die gegnerische Waffe herumgeführt wird. Das Ziel ist es, die Angriffslinie des Gegners/der Gegnerin immer mit dem Gefäß der eigenen Waffe abzudecken, während man die eigene Spitze zur nächstgelegenen Blöße des Gegenübers führt, um diesen/diese dort verletzen zu können. Vier näher definierte Varianten dieser Spiralbewegungen sind die Generales:

 

  • General de Línea de Cruz: Nach erfolgreich angebrachtem Atajo wird das gegnerische Schwert mit einem Schritt verdrängt und der eigene Stoß ins Ziel gebracht. Das eigene Schwert kreuzt das gegnerische, es wird keine Spiralbewegung ausgeführt.

 

  • General del Estrechar: Durch eine Spiralbewegung mit der Spitze wird das eigene Schwert aus dem Atajo auf der Innenseite, gegen den Uhrzeigersinn, unter das des Gegners/der Gegnerin geführt. Dadurch wird die gegnerische Waffe verdrängt und die eigene Spitze auf die Brust, die Flanke oder den Bauch des Gegners/der Gegnerin ausgerichtet und der Treffer kann gesetzt werden. Diese Aktion kann auf variable Weise durch Beinarbeit unterstützt werden.

 

  • General Flaqueza Debajo de la Fuerza: Wie bei Estrechar, nur aus einem Atajo von der Außenseite und mit einer Spiralbewegung im Uhrzeigersinn. Dabei kommt die Schwäche der eigenen Waffe unter die Stärke der gegnerischen Klinge.

 

  • General Flaqueza Encima de la Fuerza: Der Atajo wird von innen angebracht und man führt die eigene Spitze einmal komplett um die gegnerische Waffe herum, ohne die Bindung zu lösen. Dadurch wird die gegnerische Waffe weit von der Linie verdrängt und man endet wieder in einem Atajo auf der Innenseite. Kombiniert mit entsprechender Beinarbeit lässt sich so die Distanz zum Gegenüber überbrücken und ein Stoß zu den oberen Blößen führen.

 

“Die Generales sind vier offensive Aktionen, die verwendet werden, um den

gegnerischen Stahl zu dominieren, um einen Angriff einzuleiten. Mit diesen Techniken kann der Fechter die gegnerische Klingen kontrollieren, während er sich vorwärts bewegt. Im Gegensatz zu defensiven Aktionen an der Klinge, wie z. B. eine „Deflektion“ oder eine Parade, werden diese mit der Absicht zu treffen ausgeführt.”

Puck Curtis und Mary Dill-Curtis, From Page to Practice, 2009, S. 59

 

Ein anderes herausragendes Merkmal von LVD ist, dass ein perfektes Gefecht nicht mit dem Tod eines/einer der Widersacher/Widersacherinnen endet, sondern mit dessen/deren Unterwerfung durch eine Entwaffnung oder eine Aufgabe. In der spanischen Fechttradition, die tief im Christentum verwurzelt ist, gilt es Leben zu bewahren wo immer dies möglich ist. Ein wichtiges Werkzeug, um ein solches Ende in einem Gefecht herbeizuführen sind die Conclusiones. Eine Conclusion ist eine Technik, bei der das Gefäß der gegnerischen Waffe mit der eigenen, nicht-waffen-führenden Hand ergriffen und kontrolliert wird. Im besten Fall kann man dem Gegner/der Gegnerin die Waffe auf diese Art und Weise aus der Hand reißen und ihn/sie so entwaffnen und zur Aufgabe zwingen. Um dies zu erreichen muss allerdings eine relativ große Distanz mit relativ vielen, teilweise recht großen Bewegungen und Schritten überbrückt werden, was diese Techniken sehr anspruchsvoll und sehr gefährlich macht. Umso wichtiger ist es, die gegnerische Klinge die ganze Zeit mit der eigenen zu kontrollieren und das Gegenüber fortwährend mit der eigenen Spitze zu bedrohen.

Die hohe Gewichtung der Conclusion sollte aber nicht zu dem Schluss verleiten, dass die spanische Fechtkunst weniger effektiv war als beispielsweise die italienische. Sollte es nicht möglich sein das Leben des Gegners/der Gegnerin zu schonen, so wurde dessen/deren Tod als zweitbeste Option betrachtet und im Sinne der Notwehr in einer Selbstverteidigungssituation gebilligt. 

 

Aus den oben beschriebenen Informationen lässt sich folgendes Flussdiagramm für ein perfektes Gefecht nach iberischer Doktrin erstellen:

 

Medio de Proporción in Angulo Recto → Atajo (zu Medio Proporcional) → General zu Medio Proporcionado → Conclusion

 

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass es sich bei LVD um eine hocheffektive und sehr elegante Kampfkunst handelt, die tief im sozialen, theologischen und philosophischen Kontext ihrer Zeit und ihrer Protagonisten verwurzelt ist. Es gilt in diesem Bereich noch sehr viel Forschungsarbeit zu leisten und viel Neues zu entdecken.

Quellen:

Achille Marozzo, Opera Nova, 1536, Cap. 144

Starhemberg Fechtbuch, Cod.44.A.8, “Codex Danzig”, 1452, z. B. F. 17r

Gerard Thibault, Academie de L'Espée, 1628

Jerónimo Sánchez de Carranza,  Filosofia de las Armas, 1582, f. 183r

Luis Pacheco de Narváez, Libro de las Grandezas de la Espada, 1600, f. 36r

George Silver, Paradoxes of Defense, 1599, S. 512

Puck Curtis und Mary Dill-Curtis, From Page to Practice, 2009

http://www.puckandmary.com/